Brasilien - Berlin
Silvia Ocougnes Klangexpeditionen
Manche Komponisten und Musiker besitzen
eine musikalische "Muttersprache", die sie zur lebenslangen rumorvollen
Quelle ihres Tuns entwickeln, auch wenn sie nur unterschwellig mitläuft.
Silvia Ocougnes musikalische Heimat ist unverkennbar die brasilianische Musik,
charakteristische Rhythmen und Melodien sowie Gitarren als "ihre"
Instrumente, aber auch die Lust daran, dieses "Gepäck" experimentell
in völlig neue Kontexte zu stellen. Wenn professionelle Virtuosität,
mit Baden Powell als Ausgangspunkt, erreicht ist und wenn das neue Gebiet
der alten Musik' geradezu eine Einladung geboten hatte, Traditionen
des Instruments zu sprengen, dann machte es Sinn, die eigenen, persönlichen
Klang-Pfade nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Die musikalische "Muttersprache"
ist wandelbar, kann sich an andere Idiome anpassen, ist offen für Experimente,
für humorvolle Selbstkritik, für Collagen und Dekomposition. Diese
Tendenzen vertiefte die Musikerin und Komponistin in Boston, wo sie nach der
Ausbildung in Sao Paulo am New England Conservatory "Third Stream Guitar"
studierte. Aus den Koffern, die sie dann 1987 nach Berlin mitgebracht hat,
purzelten nicht nur der Enthusiasmus, in inspirierenden Kollaborationen mit
anderen Künstlern neue musikalische Wege zu finden, sondern es fielen
auch einige kaputte Gitarren heraus. Eigentlich kein Grund zur Freude, doch
sie lagen für Silvia Ocougne auf dem Weg der bereits begonnenen Klangexpeditionen
mit ihrem Instrument.
In Berlin also begann ein Neuanfang in der geteilten Stadt, freies Experimentieren
mit Gitarren und Saiteninstrumenten, sie spielte in Arnold Dreyblatts Orchestra
of Excited Strings oder mit Chico Mello, der ebenfalls seine brasilianische
musikalische "Muttersprache" nach Berlin transferiert hatte. Klangexperimente
mit der Gitarre schlossen die ganze Bandbreite der Bearbeitung und Erweiterung
der Instrumente ein: Gitarren werden umgestimmt, sie wandeln sich zu Perkussionsinstrumenten,
werden mit dem Bogen gestrichen oder als "table guitar" gespielt,
die Saiten lassen sich auch verquer aufspannen oder nach dem Vorbild Cages
präparieren, der Resonanzkörper färbt die Stimme oder verstärkt
andere Instrumente. Experimentelle Klangforschungen und außergewöhnliche
Spieltechniken einschließlich der Anwendung elektronischer Mittel bedingen
sich gegenseitig, und daraus resultiert nicht zuletzt eine "szenische
Musik".
Das wird nun alles auch mit der musikalischen "Muttersprache" verquickt.
Ob im Dialog mit archaisch anmutenden Klangflächen und Patterns von Plexi-Blasinstrumenten
(CD Ping Pong Anthology mit "The 13th Tribe") oder im improvisatorischen
Quartettspiel mit weiteren präparierten Instrumenten (CD the perfect
record mit "Armchair Traveller"): es entstehen Musikprojekte der
seltenen Art aus dem Berliner Melting Pot. Im Zusammenspiel mit Chico Mello
(CDs violão de dois, Musica Brasileira De(s)composta) gerät die
experimentelle Verfremdung brasilianischer Rhythmen und Melodien zu einer
kunstvoll witzigen Hommage an die Heimat.
Seit einigen Jahren arbeitet Silvia Ocougne auch mit Tänzern, Filmemachern
oder Performancekünstlern zusammen. Dabei entstehen oft elektroakustische
Kompositionen und Raummusik, die nicht nur Atmosphären schaffen, sondern
in denen der Charme verfremdeter Windharfen oder die Verve rhythmischer Endlosschleifen,
hawaianisch anmutende Saitenglissandi oder melancholische Geräuschcollagen
auch weiterhin Symbole dafür sind, konventionelle Schranken in Frage
zu stellen.
Christa Brüstle , Berlin, 2006
http://www.chrbru.de